Ist asozial sein gerade in oder bin ich zu alt?!

Anekdote für Konservative

Das Licht geht aus – zerberstende Spannung erzeugende, hyperaktive Tremolo-Streicher oder auch mal lyrische Textzeilen mit einem unschuldigen, visuellen Szenario untermalte Beschreibungen kennzeichnen die Welt, in der wir uns aktuell befinden. Egal ob haarige Füße kombiniert mit flapsig anmutenden klassischen Filmmusikthemata oder adrenalinsteigernde, disharmonische Klänge mit dem Epos schlecht beleuchteter Schauplätze vereint – dem Teilnehmer ist sofort klar, ob er sich in Mittelerde, einem Hitchcock-Thriller oder gar im Star Wars -Universum befindet.
In meinem alten Lieblingskino, wo ich als Kind in den verschiedensten dieser Welten unterwegs war, standen noch 70er Jahre Tischlampen auf schmalen Tischen, die auf der Rückseite garantiert nie wieder klebfrei zu bekommender Kinosessel montiert waren. Genau dort stellten wir unsere Coke in 0,2L Glasflaschen ab. Du musst glaub ich in den 70er oder 80er Jahren des 20. Jahrhunderts geboren sein, um zu wissen, dass Coke mit Abstand am besten aus 0,2L Glasflaschen schmeckt. Ca. 8 DM zahlte ich damals bereitwillig für jede dieser monumentalen Reisen – nach Mittelerde waren es sogar schon 7,50€, dafür wurde diese aber auch von vielen Mitreisenden mit konformer Kleidung als auch von einem der damalig führenden Kinokette spendierten Aperetif begleitet.
5 Jahre zuvor schien es schon kaum noch jemanden mitzureißen, ob Leonardo DiCaprio sich tatsächlich mit Claire Danes zusammen dem des von Shakespeare vorab wie in Stein gemeißelten Schicksals des Todes würde fügen müssen – und weitere 5 Jahre danach vermochte es kaum jemanden zu interessieren, ob ein allseits geliebter Held den Sieg über das Böse würde erringen können. Und nochmal zehn Jahre später (heute) gestaltet es sich bereits als äußert schwierig, überhaupt in dieser Welt – welcher auch immer – anzukommen, wenn eine Sitzreihe vor Dir eine Frau einen scheinbar Mitreisenden und desjenigen Kind mit folgenden Worten anspricht:“ Könnt ihr Plätze tauschen? Dave kann sonst nicht genug sehen.“ und Du Dich in diesem Moment zwangsweise daran erinnerst, wie sich selbige an der Kinokasse mit den Worten „Ich muss mal vor, hab die Sitzerhöhung für Dave vergessen, die muss ich noch leihen“ vorgedrängelt hatte. Während vier Plätze links neben Dir — Spoiler: noch die nächsten 90 Minuten – eine Frau mitsamt ihrem hell erleuchteten Smartphone-Display verhindert, dass Du Dich in den ernüchternden Pausen zwischen „Boa Chantalle, die Schlange is viel zu lang – Eis könnt ihr euch echt abschminken“ und „Maaaaann, ihr wart hier doch schon auf Klo, das könnter doch wohl alleine?!“ erdreisten könntet, in das Geschehnis des Gesehenen einzutauchen.
Wenn zwei Reihen vor Dir der soeben angesprochene Mann antwortet:„Moment, Sie könnten doch auch mit Ihrem Kind die Plätze tauschen, wenn Dave sonst nicht genug sieht.“
Zuviel Dummheit stumpft scheinbar ab – das fällt mir allerdings in unserem Jahrzehnt nur mehr nur wieder auf – genau wie das asoziale Verhalten vieler Eltern – wenn diese einen KINOSAAL mit einem störenden Kind nicht zu verlassen gedenken, sondern stattdessen lieber ihren Erziehungsauftrag komplett aufgeben. Kein Wunder also, dass Apple demnächst Filme per Online-Verleih 2 Wochen nach Kinostart (für ca. 40€) anbieten möchte. Beim Gedanken an die Familien von Chantelle und Dave bekomme ich richtig Lust auf einen Filmabend mit rücksichtsvollen Hirnbesitzern bei mir zu Hause. Auch wenn mir die 70er-Jahre-Lampen fehlen. Vielleicht kauf ich mir stattdessen einfach ne Popcornmaschine zu Weihnachten.

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