Meinung (Gesellschaft)

Die Nähe beim Helfen

Wen soll ich lieben?

Viele Menschen wollen ‚helfen‘. Das Wort „helfen“ wurde in letzter Zeit besonders häufig ohne Objekt gebraucht: „Ich will helfen.“ In der Realität hilft man gegebenenfalls jemandem. Wenn „helfen“ ohne Objekt verwendet wird, ist diese Verwendung ziemlich abstrakt. Offenbar ist eine recht abstrakte Idee des Helfens verbreitet.

Das könnte man für ‚christlich‘ halten. Zur Erinnerung: In 3. Mose 19.18 heißt es: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Im Neuen Testament wird daran angeknüpft, zum Beispiel in Mt 5.43, hier allerdings mit Betonung der Feindesliebe. Wen also soll man lieben und wem helfen?

Geht man davon aus, man solle v.a. ‚seinen Nächsten lieben‘, dann stellt sich die Frage: Wer ist ‚der Nächste‘? Diese Frage wird umso relevanter, je mehr uns Menschen in massenmedialer Vermittlung bekannt werden.

Aber ist es vielleicht falsch, Lieben und Helfen an – wie auch immer zu verstehende – ‚Nähe‘ zu knüpfen? Sind wir nicht Weltbürger? Sind wir nicht alle Menschen?

Moralische Erörterungen sind meistens erst einmal so abstrakt, dass sie für jeden gelten und keinen speziellen Bezug zu Individuen oder Gemeinschaften herstellen. In John Rawls‘ Theorie der Gerechtigkeit werden Grundsätze einer gerechten Ordnung überhaupt erst dadurch ermittelt, dass man sich ‚jeden‘ mit einem ‚Schleier des Nichtwissens‘ versehen denkt: Man soll von eigenen Interessen, von seiner eigenen Situation, absehen. Wohl gemerkt: Das betrifft nicht gerechtes politisches Handeln, sondern ist als eine wünschenswerte Bedingung bei der Schaffung einer Grundordnung zu verstehen, z.B. wenn eine Verfassung erarbeitet wird. Wer an einem solchen Unterfangen teilnimmt, sollte nicht seine Rolle z.B. als Lehrer, als Unternehmer, als Schüler, … im Blick haben, sondern gerade davon absehen.

Erstens ist der ‚Schleier des Nichtwissens’ also kein allgemeines Gebot politischen Handelns, sondern er betrifft die Ermittlung einer Grundordnung. Zweitens setzt er etwas voraus, nämlich eine Gemeinschaft, in der dieser ‚Schleier des Nichtwissens‘ bei der Erarbeitung gerechter Grundsätze zum Zuge kommen soll!

Eine Gemeinschaft! Wer gehört zu dieser schon vorausgesetzten Gemeinschaft? Eine ‚linke‘ Tradition hat in der Bundesrepublik einen Internationalismus favorisiert, wobei Schlagworte wie „Dritte-Welt-Bewegung“ (heute „Eine-Welt“) und „Befreiungstheologie“ bis hin zu gegrölten Parolen wie „Hoch die internationale Solidarität“ verbreitet waren und der Schwerpunkt bei Lateinamerika und Afrika gesetzt wurde – bei Lateinamerika, weil dort linke Machthaber unterstützenswert erschienen und diese Wertschätzung dadurch verstärkt wurde, dass in Chile die Macht Allendes durch einen Militärputsch beseitigt worden war. Die Kirchen wurden zu Häusern dieser globalen Solidaritätsbekundungen, wohl vorbereitet durch deren etablierte missionarische Institutionen.

Fern unserer westlichen und v.a. mitteleuropäischen Denkweisen seit den Siebzigerjahren lebt man sein Leben meistens weniger global orientiert (vgl. Karims Film „Mein Urgroßvater Mohamad Ali“ als Einblick in ländliches Leben in Wadi Al ‚Uyun in Syrien: youtube.com/watch?v=_nK3X0Vxuj0). Funktionierende Gemeinschaften dort, ein gepredigter Internationalismus hier – der so weit geht, dass engagierte Menschen medial angebahnte Kontakte in die Ferne knüpfen, die sie in der Nähe womöglich vermissen.

An Rawls‘ Gerechtigkeitstheorie ist längst die mangelnde Thematisierung der vorausgesetzten Gemeinschaft bemängelt worden (vgl. https://cellediefreieseite.wordpress.com/2016/12/29/gerechtigkeit-und-ihr-bezug-auf-eine-gemeinschaft/ ). Die Gemeinschaft, in der eine Grundordnung hinter einem ‚Schleier des Nichtwissens‘ zu erarbeiten wäre, scheint jeweils schon zu bestehen. Sie ist jeweils ‚gewachsen‘. Und dieser Mangel an willkürlicher Festsetzung scheint vielen nicht zu behagen. Wir begegnen gewachsenen Gemeinschaften immer wieder und umso mehr dort, je mehr wir sie mit einem Regelanspruch konfrontieren. (In Berlin, wo ich zehn Jahre lebte, ist mir besonders bewusst geworden, wie wenig sich gewachsene Gemeinschaften durch abstrakte moralische Ansprüche beirren lassen.) Und eine Begegnung wird durch bekannte Rituale, in denen man sich maskenhaft anlächelt, kaum zustande kommen, etwa durch gemeinsames Kochen und Essen um der Freundlichkeit willen, vgl. https://cellediefreieseite.wordpress.com/2016/09/04/mit-vollem-mund-spricht-man-nicht-begegnungen/ ).

Wer ist der Nächste? Und was, wenn gewachsenen Gemeinschaften eine Konstitution gleichgültig ist (was Lippenbekenntnisse etwa in Erhebungen nicht ausschließt)? Argumentative Einsichten erfordern wahrscheinlich immer schon ein Nähe-Gefühl unter Argumentierenden.

 

(aus https://cellediefreieseite.wordpress.com/2017/01/08/die-naehe-beim-helfen/ )

Bildquellen

  • Rembrandt 16: Claus Schlaberg
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One Comment

  1. Sogar die alte Friedensaktivistin Eva Quistorp ahnt (14:28): Es entsteht eine ‚Sozialindustrie‘. Man verdient an der 2015-Migration und hat wenig Interesse, Mentalitäten von Migranten zu erfahren:

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